Illinois und Chicago

von unserer USA-Expertin Anika Selzer

Schon oft war ich in den USA, aber noch nie im mittleren Westen, geschweige denn in Illinois. Dies sollte nun endlich auf einer kleinen Rundreise durch den „Prairie State“ nachgeholt werden, auf der natürlich auch Chicago nicht fehlen durfte.

Prison Break und Blues Brothers

Vom Airport Chicago O‘Hare fahre ich etwas über eine Stunde nach Joliet. Was soll man denn hier? Die Frage ist durchaus berechtigt, so habe ich doch aus meinem Hotelfenster noch nie so wenig Autos zur Rush Hour gesehen. In dieser Stadt könnten sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Sämtliche Einwohner scheinen auf wundersame Weise verschwunden. Wäre da nicht das Old Joliet Prison, welches weltberühmt wurde als Drehort der US-TV-Serie Prison Break sowie des Klassikers Blues Brothers. Erbaut im Jahre 1858 wurde es offiziell bis 2002 als Gefängnis genutzt. Zwischenzeitlich wurden bis zu 1.300 Gefangene dort untergebracht, bis 1910 gab es jedoch nicht einmal Toiletten oder fließend Wasser! Sogar bis 2011 mussten noch Übergangsgefangene dort bleiben. Dies ist besonders befremdlich, wenn man das Areal betritt und einen ersten Blick über die verfallenen Gebäude und den vielen Schutt links und rechts des Weges schweifen lässt. Möglich ist dieses auf einem geführten Rundgang des Joliet Area Historical Museums. 

Dunkle Faszination

Nicht nur Wind und Wetter, sondern auch Vandalismus haben dazu beigetragen, dass das Gelände auf den ersten Blick heruntergekommen wirkt. Die mit Graffitis besprühten Gebäude wirken baufällig, Müll liegt herum, die Farbe blättert ab. Auch der nicht endende Dauerregen tut sein übriges. Das soll die Hauptattraktionen in Joliet sein? Tapfer kämpfen wir uns über das Areal und bekommen ein immer beklemmenderes Gefühl, während wir mit unseren Handy-Taschenlampen in die winzigen Zellen, die medizinischen Behandlungsräume und Büros leuchten. Ganz schön unheimlich… Allerdings übt dieser Ort auch eine gewisse dunkle Faszination aus. Unglaublich, unter welchen Bedingungen Menschen hier untergebracht wurden und ihr Leben ließen. So stand hier der am meisten verwendete elektrische Stuhl des Staates Illinois. Sicherlich braucht das Museum noch Zeit, um dieses Fleckchen „wirklich“ für Touristen aufzuarbeiten: So findet man keine typischen Infotafeln oder Wegweiser. Will man allerdings wirklich in die Atmosphäre eines Gefängnisses eintauchen, das für viele Menschen die Hölle auf Erden gewesen sein muss, wären Reinlichkeit und Ordnung wohl auch fehl am Platz.

Ohne Ketchup

Wir verlassen Joliet und machen uns auf den Weg nach Pontiac – aber nicht ohne einen Stop an der Route 66 beim berühmten Launching Pad einzulegen. Der riesige Gemini Giant ist eine Werbefigur, die in unterschiedlichem Designs in den 60er Jahren an vielen Straßen zu finden war. Nun aber rein ins berühmte Launching Pad, das seit 1965 existiert und zum Glück vor Kurzem wieder eröffnet wurde. Die neuen Besitzer kümmern sich liebevoll um diese Ikone unter den Restaurants und servieren sehr leckere Chicago Dogs  - diese werden übrigens niemals mit Ketchup zubereitet! 

Pontiac: Museum-Tipps

•Das lllinois Route 66 Hall of Fame & Museum mit seinen zahlreichen Exponaten zur weltberühmten Straße.

•Das Pontiac Oakland Museum zeigt eine erstaunliche Sammlung an historischen Fahrzeugen.

•Spannend sind auch die für Pontiac bekannten Murals: Wandgemälde in der Stadt, die bequem zu Fuß entdeckt werden können. 

Blondinen, Präsidenten und Klebeband

Springfield ist die Hauptstadt von Illinois und Heimat des Kongresses. Besonders faszinierend an dem Gebäude ist die zentrale Rotunda im Erdgeschoss, die den Blick automatisch nach oben in die 110 Meter hohe Kuppel schweifen lässt. Es gibt eine Richtlinie, die besagt, dass kein Gebäude höher sein darf als das Capitol. Die Hotelkette Hilton hätte damit fast gebrochen, aber auch nur fast.

Fun Fact: Im Repräsentantensaal hielt Reese Witherspoone in „Natürlich Blond 2“ ihr flammendes Plädoyer als Anwältin. Aber auch im wahren Leben hat einer der wichtigsten Männer unserer Zeit hier seine Karriere begonnen: Barack Obama gab 2007 hier seine Präsidentschaftskandidatur bekannt, knapp 150 Jahre nach einem anderen weltbekannten Politiker namens Abraham Lincoln.
Lincoln hat viele Jahre in Springfield gelebt, bevor er nach Washington umzog. Man kann heute sein Wohnhaus besichtigen: Die Lincolns galten als sehr wohlhabend, schliefen sie doch getrennt und konnten sich zwei Schlafzimmer leisten! Besucher werden durch die engen Flure geführt und ein einziger Fehltritt neben der mit Klebeband markierten Lauffläche führt zu einem Alarm! Unter den Guides gibt es einen kleinen Wettkampf: Wessen Gruppe bleibt still? 

Barack Obama
Glücksbringer: Lincolns Nase
Wohnhaus der Familie Lincoln
Illinois State Capitol
5-Dollar note
Rotunda im Capitiol

Geister in der Bibliothek

Auch das A. Lincoln Presidential Museum ist unbedingt einen Besuch wert. Es beleuchtet Lincolns Zeit im Weißen Haus mit einer eindrucksvollen Ausstellung: Die Ära des Civil War und die Leiden der Nation. Die Ausstellung endet mit der Darstellung der Präsidentenloge im Fox Theater und dem Attentat auf den Präsidenten. Absolut sehenswert ist die Hologramm-Show „Ghosts in the Library“. Man erfährt, warum es sich lohnt, all die alten Sachen aufzubewahren und wie wichtig es ist, Geschichte lebendig zu halten. Kaum jemand von uns konnte im ersten Moment sagen, ob der Hauptdarsteller nicht doch „echt“ war. 

Wir lassen diesen historischen Tag mit einem Besuch der Grabstätte von Abraham Lincoln ausklingen. Auf dem Oak Ridge Cemetery trohnt ein Obelisk: Lincoln, seine Frau und drei seiner vier Söhne haben hier ihre letzte Ruhe gefunden. Auf dem Vorplatz findet sich eine riesige Bronzestatue des Kopfes von Lincoln. Angeblich soll es Glück bringen, wenn man die bereits blanke Nase berührt.  

Jane und Homer

Im „Burpee Museum of Natural History“ besuchen wir Jane. Sie ist „junge“ 66 Millionen Jahre alt und eines der best erhaltenen Skelette eines Tyrannosaurus Rex. Neben Jane kann man auch Homer, einen Triceratops bewundern. Beide wurden neben vielen anderen Fossilien in den Montana Badlands gefunden und gehören zu den bedeutendsten Funden der letzten Jahre. Wir dürfen auch das Labor besichtigen, wo neben einigen Festangestellten auch zahlreiche Freiwillige Fossilien säubern, begutachten und wie ein riesiges Puzzle zusammensetzen. 

Chicago

Nun steht endlich Chicago auf dem Programm:

  • Home of the cubs
  • Windy city
  • Chi-Town
  • City in the garden 

Dies sind nur einige Namen für die Stadt am riesigen Lake Michigan. Am Ufer stehend bekommt der Spruch It‘s a lake - not an ocean! noch viel mehr Sinn. So kann man doch das andere Ufer nicht ein mal erahnen, was bei einer Länge des Sees von 494 km allerdings auch nicht weiter verwundert. Die Chicagoer lieben ihren Lake Michigan und genießen die Sommertage an einem der rund 27 Strände, auf dem Wasser mit dem SUP oder Kayak, in einem der vielen Parks oder entdecken die Lakefront per Fahrrad. 

Auch ich darf radeln: Bei einer Food Tour durch den Loop (Downtown), die schicke Gold Coast mit seinen imposanten Stadtvillen und das Viertel Lincoln Park, wo sich viele kleine Läden und zahlreichen Restaurants und Bars befinden. Während der Fahrradtour erhält man viele Infos und kehrt in mehrere Restaurants ein. So habe ich die legendäre deep-dish Pizza probiert und darf mein eigenes Cupcake „bauen“. Dazu gibt es den tollen Ausblick auf die Skyline und das türkise Wasser des Lake Michigan. Dann kämpfe ich mich, viel zu satt, die 5 Meilen entlang der Lakefront zurück. 

Wrigley Field

Es bleibt sportlich mit einer Tour durch das Wrigley Field Stadium: 1914 erbaut ist es das zweitälteste Stadion des Major League Baseball und Heimat der Chicago Cubs. Regelmäßig finden sich hier knapp über 40.000 Menschen ein. Selbst auf den umliegende Dächern haben Bewohner Tribünen gebaut und bieten Sitzplätze an. 

Schweinsteiger und 412 Meter Höhe

Nicht fehlen darf ein Besuch des Willis Towers (ehemals Sears Tower), immerhin der zweithöchste Wolkenkratzer der USA. Im 103. Stockwerk auf 412 m Höhe liegt das Skydeck, wo Glasbalkone den senkrechten Blick nach unten erlauben.  Wem dies zu viel Nervenkitzel ist, der kann den Rundumblick aus den vielen bodentiefen Fenstern genießen. Wir haben Glück, dass die dichten Wolken verschwinden und die Sonne durchlassen: Vor uns liegt ein gigantisches Panorama über die Stadt, die Strände und den Lake Michigan. Wieder unten kann man mit etwas Glück auch einen Blick auf Basti Schweinsteiger werfen. Der wohnt nämlich in Downtown und ist oft in den Restaurants und Geschäften anzutreffen. 

The Bean (Cloudgate)
412 Meter hoch auf dem Willis Tower
Chicago Dog - schmeckt besser als er aussieht
Wrigley Field

Die Bohne

Im Millennium Park verlässt uns leider die Sonne, so dass wir im Regen durch die schön angelegte Parkanlage stapfen. Unser Ziel: Cloudgate, besser bekannt als The Bean! DER Besuchermagnet und an Instagrammibility nicht zu überholen. Man muss sich schon ein wenig durchsetzen, um auch ein Foto machen zu dürfen! Besonders auf Reiseblogger und Influencer übt die Spiegelung in der geschwungenen Bohne eine unerschöpfliche Faszination aus. Wir haben den Park mit einer Dame der Chicago Greeters kennen lernen dürfen. Das sind Bewohner Chicagos, die Touristen ihre Stadt zeigen wollen. Mit viel Begeisterung bieten sie kostenfreie Touren durch verschiedene Viertel an. Über ein wenig Trinkgeld am Ende freuen sich aber alle. 

Tipp: Architecture Boat Tour

Auf dem Chicago River erfahre ich, dass die Stadt 1871 bei einem großen Brand fast komplett bis auf die Grundmauern niederbrannte. Chicago wäre aber nicht Chicago, hätte nicht ein beispielloser Wiederaufbau begonnen: Man suchte sich die besten Architekten und gab der Stadt wieder ein Gesicht. Zu dieser Zeit entstanden dort die ersten Wolkenkratzer mit Stahlrahmenkonstruktion: Firmensitze, Hotels, aber auch immer häufiger Wohnungen beherbergen diese heute. Eines der wenigen Gebäude, die den Brand überstanden haben, steht an der Prachtmeile Michigan Avenue: Der Watertower aus dem Jahre 1869 wirkt ein wenig verloren zwischen den Wolkenkratzern, Luxusboutiquen und dem endlosen Verkehr. Allerdings gibt er noch einen letzten Einblick in das ursprüngliche Chicago. 

Mein Fazit

Kurzum, Chicago hat mich begeistert! Wer wird Chicago ebenfalls lieben? Jeder, der bereits von New York nicht genug bekommen konnte, aber manchmal etwas mit der Anonymität dieser Metropole gehadert hat. Chicago ist jung, modern,weltoffen und erinnert etwas an eine Kleinstadt mit Wolkenkratzern. 

Und wer sollte Illinois unbedingt einen Besuch abstatten? Wenn man so manche Ecke in den USA bereits gesehen hat, kommt einem Illinois so überraschend anders vor, und erinnert landschaftlich ein wenig an zu Hause. Die dauerhaft präsente Route 66, die greifbare Geschichte und die freundlichen und offenen Menschen heißen Sie willkommen. 

Chicago ist jung, modern und weltoffen!
Ihre Anika Selzer - USA Expertin, FAHRENKROG im CITTI-PARK Kiel, 0431 66401 71, ase@fahrenkrog.de

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Bildnachweise: Anika Selzer und pixabay. Bitte beachten Sie die aktuellen Einreisebestimmungen für USA Reisen.