Spitzbergen: Gletscherblau

Jörg Weißgräber erlebte im August 2016 Spitzbergen auf einer Kurzreise. An Bord der nostalgischen MS Nordstjernen entdeckte er Eisbären, Walrosse und die schönsten Blautöne der Welt! 

Anreise

Es ist schon ein wenig ermüdend, wenn man von Hamburg über Kopenhagen und Oslo nach Longyearbyen reist.

Zumal es eigentlich schon Nacht und alles dunkel ist. Und während die Uhr auf Mitternacht zugeht, passiert am Horizont etwas Erstaunliches: Auf der ganzen nordwestlichen Breite ist Sonnenuntergang!    

Je weiter man nach Norden schaut, umso tiefroter wird es - bedingt durch noch viel mehr Atmosphäre, durch die diese letzten Strahlen der Abendsonne müssen. Und obwohl es schon Ende August ist, wird es draußen immer heller. Wie herrlich muss es hier in der Zeit der Sommersonnenwende sein! Jetzt geht die Sonne kurz vor Mitternacht für 2 Stunden unter, jeder Tag ist 29 Minuten kürzer als der vorherige.    

Nun ist Mitternacht.

Vampire gibt es hier nicht, denn die Sonne scheint - zumindest in unserer Flughöhe. Weiter unten sieht es leicht bewölkt aus.

Spitsbergen - Svalbard

Und dann ist es da: Spitsbergen. Schnee, Eis, Berggipfel, Gletscher. Imposant, lebensfeindlich - oder?! Ein paar Häuser, zum Meer hin mäanderndes Schmelzwasser, und dann Fischerkähne, sogar Segelboote...    

Longyearbyen ist schon außergewöhnlich. Bunte Häuser, mehr Snowmobile als Einwohner, aber laut unserem Guide Timon von Spitsbergen Tours bleiben viele - vom Arktis-Virus infiziert - hier hängen. Er kommt aus Deutschland und lebt auch schon vier Jahre hier. Und er weiß einfach alles! 

Die Übernachtung im ehrwürdigen Spitsbergen Hotel ist neben den komfortablen Zimmern schon allein deshalb bemerkenswert, weil es sich bei dem Haus um den ehemaligen Club der Kohleminenbesitzer handelt, und genau so ist er auch eingerichtet: Wie ein Gentlemen Club in London. Achtung: In fast allen Gebäuden zieht man am Eingang die Schuhe aus und läuft auf Socken weiter. Oft werden aber auch Hausschuhe angeboten.

Ein ausgezeichnetes Frühstücksbuffet

und ein leckeres Lunch runden den Vormittag ab, der zum selbständigen Entdecken und Shoppen genutzt wurde. Die Landschaft ist immer noch geprägt von den zum Großteil verfallenen Kohlebergwerken. Die hochwertige Kohle ist leicht zu erreichen, da die Flöze waagerecht in die Berge verlaufen.

MS Nordstjernen

Am Ende der Fahrt stoppt der Bus an der MS Nordstjernen, unserem Zuhause für die nächsten dreieinhalb Tage. Ein imposanter Oldtimer erwartet uns mit seinem ganzen Charme. Das Schiff lief bereits 1955 vom Stapel und war bis 2012 auf der Hurtigrute im Liniendienst. Gleich nach dem Boarding gibt es die Rettungsübung, anschließend stellen sich die sieben Guides an Bord vor, drei davon sind deutschsprachig.

Insgesamt sind wir 68 Passagiere, 14 Mann Besatzung und die Guides an Bord. Zum Abendessen gibt es Shrimps, dann Entenbrust und natürlich Dessert – alles sehr schmackhaft.

Die Reise geht nach Barentsburg, die russische Enklave auf norwegischem Boden, wo noch immer 120.000 Tonnen Kohle im Jahr gefördert werden sollen. 260 Stufen sind es dann vom Hafen bis zur Siedlung, aber wem das zu anstrengend ist (und es ist anstrengend!), der kann auch den Shuttle nutzen. 

Sozialistische Tristesse wechselt sich mit modernen Bauten und liebevoll restaurierten Gebäuden ab. Auch eine der letzte Lenin-Büsten steht hier, gut platziert vor dem Schild mit der Aufschrift: „Unser Ziel: Kommunismus“. 

Walfänger

Nun wird es spannend: Unser Ziel heißt Magdalenenfjord, wo es die erste Anlandung mit Zodiacs geben wird.   

Das Schiff steht. Die Motoren sind aus. Neben dem Wassergeplätscher und den Schreien von Sturmmöwen ist nichts zu hören. 3 Grad kalte Luft und ein frischer Wind lassen Vorfreude auf die Exkursion mit den Zodiacs aufkommen. Am Ufer sind die Reste einer Walfängersiedlung erkennbar - unser Ausflugsziel. Im Meer herrliches Gletscherblau - Spuren eines letzten Gletscherkalbens. Nach einer 20 minütigen Sicherheitsunterweisung steigt die Spannung!  

Zodiacs bringen uns nach kurzer Fahrt an den Strand, wo auch baden möglich ist! Sogar Handtücher werden von der Crew mitgebracht! Unsere Guides sind immer bewaffnet und oft werden Eisbären-Wachen postiert. Es folgt ein Fußmarsch zu den Resten der Specköfen, die zur Ölgewinnung aus dem Fett der Wale betrieben wurden. Gelbgefärbte Sedimentsteine belegen die Vermischung mit dem Tran. Ein großer abgesperrter Hügel ist die letzte Ruhestätte für mehr als 200 Walfänger, die hier an Kälte, Erschöpfung oder Krankheiten zu Grunde gingen.

Eisbär voraus!

Während des Mittagessens wird ein Eisbär gesichtet - das Restaurant ist schneller leer als bei einer Evakuierung! Tatsächlich hofft ein recht verhungert aussehendes Exemplar auf das Erscheinen einer Robbe. Durch den Rückzug der Gletscher gibt es davon leider immer weniger und somit auch weniger Eisbären. Höchstzufrieden kehrt erst nach 100 Fotos je Passagier wieder Ruhe ein und man widmet sich wieder den kulinarischen Genüssen des üppigen Büffets. 

Wir rauschen mit den Zodiacs durch die glitzernden Skulpturen und das knisternde Eis der Gletscherabbrüche beim Besuch des Smeerenburggletschers. Was für ein Gefühl, wenn man fast auf dem Wasser sitzt! Jeder hat ein Lächeln im Gesicht! Ein absolutes Highlight der Reise, auch wenn es nur viel zu kurze 30 Minuten währt - andere Gäste warten schon, und bei drei Zodiacs á 6 Personen muss halt gewechselt werden.

Eine kleine Kegelrobbe beäugt neugierig die Boote. Wie alle Tiere hier zeigt sie wenig Angst vor den Menschen. Bald nach Abfahrt ist die Nordspitze der Inseln erreicht, kleine Papageientaucher werden aufgescheucht und flattern mit ihren kurzen Flügeln davon. Nach einem soliden 3-Gänge-Abendessen (Lachsvorspeise – Kalbfleisch als Hauptgang) geht es dann früh ins Bett - die frische Luft und die Eindrücke machen uns müde. 

In einer windstillen Bucht erwarten wir den Morgen. Sturm und Schneetreiben, von dem philippinischen Teil der Crew begeistert gefeiert, erwarten uns! Auf zur Weiterfahrt zur "Texas Bar", einer alten Trapperhütte, die wie alle anderen auch unter Denkmalschutz steht und zu einem Netz von Unterkünften der Fallensteller gehörte. Heute nächtigen dort allenfalls Wanderer - die es hier durchaus im Sommer gibt. 

Zu den warmen Vulkan-Quellen fahren wir wieder mit den Zodiacs. Inzwischen klettert jeder schon entspannter in die kleinen Boote, bei bester Stimmung werden Westen angelegt und die Leiter genutzt.

Der Anstieg vom Vulkanhamna und vor allem auch der Abstieg sind sehr anspruchsvoll und erfordern einen sicheren Tritt und gutes Schuhwerk Auch Kondition muss vorhanden sein! Die Gelegenheit wird genutzt und eine Bucht vom in den Weltmeeren allgegenwärtigen Plastikmüll befreit, dieser wird dann mit an Bord genommen. 

Beim Abendessen (Räucherschinken - Lachs) beginnt die See sich ein wenig zu bewegen. Der Abend gehört dann der Überquerung des 80. Breitengrades - ab hier beginnt die Nordpol-Region und jeder Gast erhält ein Zertifikat. Bedingt durch den starken Wind wird der Champagnerempfang auf den nächsten Morgen verschoben. 

Walrosse

Die Insel Moffen, die ein streng geschütztes Tierrefugium ist, ist auch Heimat des unantastbaren Herrschers, dem Walross. Die Haut ist mit fünf Zentimetern so dick, dass selbst Eisbären um sie einen Bogen machen! Durch die Haut würden sie mit ihren Klauen und Zähnen nicht durchkommen. Außerdem sind Walrosse bis zu viermal so groß wie Eisbären, und der größte auf Svalbard erlegte Eisbär war aufgerichtet vier Meter groß!  Als letztes Argument haben die Rudeltiere imposante Stoßzähne, die sie auch einsetzen!

Die Insel ist kaum mehr als eine flache Platte im Meer, dennoch liegen zumindest drei dicke Walrosse auf dem umstürmten Plateau. Der Wind nimmt auf 22m/sek. zu, wir kehren besser zurück nach Svalbard! 

Post

Eine sehr bewegte Nacht ist schließlich überstanden und den Sinn von "Rolling Home" haben wir jetzt verstanden... Zum Frühstück wird die ruhige Bucht des Blomstrand Gletschers angefahren, hier bewegt sich das Wasser gar nicht. In Ny Ålesund werfe ich beim nördlichsten Postamt der Welt eine Postkarte ein -  ein Muss für Stempelsammler!

Dann heißt es langsam Abschied nehmen von Nord-Spitsbergen und ab 22 Uhr wird wieder WLAN Verbindung bestehen. Jetzt kann die Bord-Rechnung mit Karte gezahlt werden, in bar aber jederzeit.

Ein wenig Wehmut kehrt ein, in elf Stunden steht man wieder in Hamburg. An diesem herrlichen Abend bei milden 3 Grad grüßt die Sonne, die aus unserer Sicht genau im Norden steht, ein letztes Mal.

Die Anreise ist lang, aber lohnt sich.
Sie haben Fragen zu einer Reise nach Spitsbergen? Schreiben Sie mir, ich freue mich auf Sie! Ihr Jörg Weißgräber
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Bildnachweise: ©Jörg Weißgräber